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Geistlicher Impuls für Sonntag, 18. April 2021

Geistlicher Impuls zu Ez 34,1-31
von Pfarrer Thorsten Diesing

 

Liebe Gemeinde,

an diesem Sonntag haben alle Texte etwas mit Hirten zu tun. Er trägt zwar den kirchlichen Namen Misericordias Domini / Barmherzigkeit Gottes, hat aber zurecht den Spitznamen „Hirtensonntag“

Der Psalm 23 ist sicherlich der eindrücklichste dieser Texte: Der Herr ist mein Hirte – mir wird nichts mangeln. Millionen / Milliarden von Menschen haben schon so gebetet. Und sie haben sich dadurch getröstet gefühlt und gestärkt, weil sie gespürt haben: Gott ist da und führt mich, leitet mich: und ob ich schon wanderte im finstern Tal fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

 

Der heutige Predigttext aus dem 34. Kapitel des Propheten Ezechiel klingt da weitaus düsterer. Beleuchtet auch die andere Seite der Wirklichkeit: Es ist nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Immer, wenn ich diesen Textabschnitt aus Ezechiel höre oder lese, fühle ich mich an einen allen Klischees entsprechenden Stammtisch versetzt. Was wird da gewettert über „die da oben“, seien es nun Bürgermeister oder Landrat, Parteien oder Regierungen in den Ländern oder im Bund. Und im Internet ist das ja noch viel schlimmer: Gift und Galle spritzen da aus so vielen Kommentaren, weil „die da oben“ keine Ahnung haben und nicht tun, was für „uns hier unten“ gut und richtig wäre.

 

„Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

 

Ein ganz zeitgemäßer und aktueller Bibeltext also!
Soviel ist klar, Ezechiel meint wirklich „die da oben“, die Priester und Leviten, die Staatsbeamten und das Königshaus im Staate Juda im 6. Jahrhundert vor Christus. Sie hatten ihr Land in die Katastrophe hineinmanövriert, wobei das Volk, „wir da unten“, ihnen offensichtlich zum größten Teil nur zu gern gefolgt sind. Aber nun hatten sie den Salat: die Selbständigkeit des Landes endgültig verspielt, Hauptstadt und Tempel in Trümmern, und ein großer Teil des Volkes zwangsweise umgesiedelt nach Babylon. Dort saßen sie schließlich ohne Überbrückungsgeld, ohne Aufbauhilfen, ohne verbilligte Kredite, ohne gestundete Mieten und ohne jede andere irgendwie geartete soziale Absicherung.

 

Ist das unsere Situation? Wohl kaum! Auch nicht nach einem Jahr Corona! Und wer hier und heute von Diktatur faselt und sich wie Sophie Scholl im Widerstand wähnt, hat im günstigsten Fall nicht alle Tassen im Schrank, wenn er nicht längst ein gefährlicher Demagoge ist.

 

Allerdings: Und das gilt nun doch auch ganz unbestritten, und darauf weist der Bibeltext mit Nachdruck hin: Wer ein Amt bekleidet und also in öffentlicher Verantwortung steht, an den werden besondere Anforderungen gestellt. Und das zurecht! Wenn sich der Bürgermeister von Hennef mal eben so – außerhalb der Priorisierung – impfen lässt, wenn Bundestagsabgeordnete nicht nur ihre Verbindungen genutzt haben, um die Versorgung mit Masken schnell ans Laufen zu bringen, sondern überdies noch exorbitante Provisionen kassiert haben, dann ist das ein Riesenskandal und bringt – wiederum zurecht - eine ganze Partei und Politiker und Politikerinnen generell ins Strudeln.

 

Der Prophet Ezechiel entwirft ein Gegenmodell. Nein, das ist nicht ganz richtig gesagt. Ezechiel entwirft nicht. Das würde ja heißen, dass er seine eigenen Ideen entwickelt und darlegt. Gerade das tut er ja nicht. Er plant nicht von sich aus; er entwickelt keine eigenen Ideen für gute Regierungsführung. Ezechiel redet nicht von sich, sondern von Gott. Und da beschreibt er ganz einfach, wie er Gott erlebt und verstanden hat. Nämlich als den wahren guten Hirten, der für die Seinen alles bestens einrichtet.

 

Und dieses Bild vom Hirten als das Bild eines Menschen, der sich kümmert, das ist seit Jahrtausenden gängig und heute immer noch tragfähig / einleuchtend. Es beschrieb im Alten Orient die Götter, vor allem den obersten Gott, den Götterkönig, und ebenso beschreibt es den Gott Israels. Es ist das Idealbild der Königinnen und Könige bis heute, dem sie mehr oder weniger – viel zu oft weniger – folgen. Und im Grunde hat sich das auch im demokratisch verfassten Staat nicht geändert. Wenn wir den Amtseid betrachten, den Ministerinnen und Minister abzulegen haben: „Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren und Schaden von ihm wenden werde.“ Dann versprechen sie diesen Hirtendienst. Und wenn dabei dann bislang immer noch viele von ihnen hinzufügen „so wahr mir Gott helfe“, dann stellen sie sich genau in diesen uralten Zusammenhang.

 

Wie aber geschieht Gottes Hirtendienst an uns, von dem Ezechiel hier so eindrücklich spricht? Das, was wir da an Gutem hören im Predigttext, mutet wie Zauberei an. Gott macht einfach alles. Nichts muss sein Volk, nichts müssen wir selbst tun. Die alten Chefs haben es vermasselt, nun macht es der oberste Chef, Gott selbst, und alles wird gut. Wir müssen nichts tun!
Kann das wirklich stimmen?

 

Das ist für mich immer wieder der Punkt, wo es drauf ankommt. Und ich kann nicht logisch vermitteln, warum ich das glaube. Kierkegaard hat gesagt, das ist ein „Sprung“, ein Sprung in den Glauben. Gottes Wirken ist nicht mit irgendetwas Menschlichem zu vergleichen. Es ist und bleibt etwas Besonderes.

 

Und wenn ich das beschreiben soll, wenn ich Bilder dafür finden muss, dann wird es eigentlich immer furchtbar kitschig.

 

Ich habe Ihnen ein Bild aus der Waldkapelle in Rahmsdorf, ganz im Südosten von Berlin – noch jenseits von Köpenick – hochgeladen. Ob das wirklich Kunst ist? Eine der typischen und beliebten Darstellungen von Jesus um die Wende zum 20. Jahrhundert.

 

Waldkapelle Rahnsdorf Blick in die Apsis

 

Wenn man die kleine Kirche betritt, so fällt gleich das in hellen und zugleich leuchtenden Farben gehaltene Altarbild ins Auge. Und darauf sehen wir ihn, Christus, in der Art, wie man ihn damals eben gern malte, wie er mit seinem Stab, dem Hirtenstab, an eine Tür klopft. Ja, er klopft zart. Er donnert nicht gegen die Tür, er rammelt nicht dran rum. Er klopft und horcht, ob sich drinnen wohl etwas regt, ob da einer kommt und ihm öffnet.

 

Gottes Wirken ist so, dass es unser Wirken bewirken will. Gott, als der Hirte, Christus als unser guter Hirte: sie zaubern uns nicht ins Schlaraffenland. Gott klopft an, Christus klopft an und wartet, dass wir ihn einlassen, in unser Leben einlassen, dass wir uns auf ihn einlassen.

 

Und da haben wir auch den Unterschied zu den Mächtigen dieser Welt, seien es nun Majestäten oder demokratisch gewählte Funktionsträger. Sie alle haben nicht nur Macht, sie können auch abgesetzt oder abgewählt werden und müssen sich demzufolge sorgen um den Erhalt ihrer Macht. Ganz anders Gott! Gott ist Gott. Er kann warten. Er klopft an und wartet. Wo er aber eingelassen wird, wo wir seinen Weg zu unserem Weg machen, da verheißt er große Freude, da verheißt er Segen.

 

Der, der uns leiten will, der gute Hirte, er sagt auch heute: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen“ (Offb.3,20)

 

Und was heißt das für die Amtsführung, von der wir eingangs ja sprachen? Anklopfen, den Dialog fördern, der „Stadt Bestes suchen“, erkennen, dass auch ich eine Verantwortung habe, nicht nur andere, nicht nur „die da oben“. Nicht ohne Grund wird in lutherischer Tradition vom „Priestertum alle Gläubigen“ gesprochen. Und so geht es letzten Endes auch nicht nur um Amtsführung, sondern ganz allgemein um Lebensführung. Wir sind gefragt, jede und jeder, und das jeden Tag, das aber mit der Verheißung: „Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott, der HERR.“

 

Amen


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