Geistlicher Impuls für Sonntag, 24. Oktober 2021

Geistlicher Impuls zu Matthäus 10,34-39

von Pfarrer Thorsten Diesing

 

Jesus spricht: Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, um Frieden zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.

Ich bin gekommen, um die Söhne mit ihren Vätern zu entzweien, die Töchter mit ihren Müttern und die Schwiegertöchter mit ihren Schwiegermüttern. Die nächsten Verwandten werden zu Feinden werden.

Wer seinen Vater oder seine Mutter mehr liebt als mich, der verdient es nicht mein Jünger zu sein. Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.

 

Jesus ist Meister darin, uns zu überraschen. Immer wenn man meint, man hätte ihn verstanden; und besonders dann, wenn man ihn dann auch noch für sich akzeptabel gemacht hat, überrascht er einen – und nicht zu knapp: er stößt einen vor den Kopf.

Nichts ist mit dem lieben Jesulein: ich bin gekommen, das Schwert zu bringen – nicht den Frieden. Ich entzweie die Familien in ihren netten Eigenheimen. Ich lasse nichts an seinem angestammten Platz.

 

Ich habe mich gleich am Anfang geärgert: nicht Frieden, sondern das Schwert – und das, wo er doch als Friedenskönig verheißen ist; wo ich meine Hoffnung auf ihn setze in dieser kriegswilligen, unfriedlichen Zeit.

Aber der Kontext zeigt, dass es Jesus hier nicht um Krieg zwischen Völkern oder Nationen geht. Er spricht hier von den menschlichen Beziehungen in der Familie, im Freundeskreis, von Mutter und Vater, Söhnen und Töchtern und den Verwandten. Und da ist das Schwert wohl symbolisch gemeint: das Schwert steht für den klaren Schnitt, die klare Scheidung, die deutliche Entscheidung.

 

Es bleibt schlimm genug: die engsten menschlichen Bindungen werden von ihm zerstört.

Hier stehen Trennungen an: Kinder verlassen ihre Eltern. Ehepaare lassen sich scheiden. Langjährige Freundschaften zerbrechen.

Jesus spricht offen aus, was wir allzu gerne übersehen – wo wir wegsehen, wo wir nicht drüber reden wollen: hinter der ordentlichen Fassade, unter der sichtbar zur Schau getragenen Gutbürgerlichkeit ist die Familie nicht die heile Welt.

 

Und manchmal sind die Strukturen so krank – so krank machend, dass ein Weiterleben dort nicht mehr möglich ist. Wer dort sein Leben findet, wer versucht so weiterzuleben, der wird sein Leben verlieren – sagt Jesus.

Frauenhäuser klagen selten über Unterbelegung.

Man geht heute von jährlich 100.000 Frauen aus, die in der Ehe vergewaltigt werden, von 300.000 sexuell mißbrauchten Kindern – bei hoher Dunkelziffer.

Familienberatungsstellen haben keinen Mangel an „Kundschaft“. Sie wissen von überforderten Eltern, aggressiven Kindern, Scheidungskriegen und chaotischen Zuständen aller Art zu erzählen.

 

Und Jesus selbst weiß auch, wovon er spricht: uneheliches Kind, Rätsel um die Vaterschaft, Geburt im Stall. Und später erklären ihn seine Angehörigen für verrückt. Er hat die Scheidung am eigenen Leib durchgemacht, hat sich getrennt von seiner Herkunftsfamilie. Musste sich von ihnen trennen, weil er in Nazareth, als Zimmermann nicht werden konnte, was er eigentlich war.

„Hätte ich dort weitergelebt, hätte ich mein Leben verloren.“ – was Jesus sagt, gilt auch für ihn selbst.

Manchmal sind die Strukturen so fest geschnürt, so einengend, dass sie krank machen, dass sie ein Leben unmöglich machen.

Da ist das Schwert, das klare Wort der Trennung wie eine Befreiung.

 

Aber! Und das finde ich entscheidend: Jesus sagt mehr: „Wer sein Leben versucht festzuhalten, der verliert es; aber wer sein Leben verliert, der wird es finden.“

Das heißt: da ist nicht Nichts! Ich falle nicht in die Leere. Sondern gerade da, in meiner Not, wird sich Neues, Ungeahntes ergeben. Eine neue Chance, ein neuer Weg, neues Licht. Und wie dieser Weg aussehen kann, wird aus seinen anderen Reden klar: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ sagt Jesus. „Wer mir nachfolgt, der wird das Leben finden.“

Es bleibt nicht beim Verlust, es gibt auch Gewinn: Lebensgewinn!

Neues Leben gewinnen, das heißt dann auch: Sein Kreuz auf sich nehmen.

 

Denn das ist der zweite Satz, über den ich mich geärgert habe. Allerdings nicht darüber, wie Jesus ihn gemeint hat, sondern darüber, was jahrhundertelang aus ihm gemacht wurde.

„Sein Kreuz auf sich nehmen“ – das ist immer wieder benutzt worden, um den eigenen Willen der Menschen zu brechen. Immer wieder haben wir gehört: Der Mensch möchte selber etwas sein, möchte sich verwirklichen – aber Gott will Gehorsam, Demut, Aufopferung der eigenen Meinung. Dieser Satz diente dazu, jedem einzelnen Menschen das Rückgrat herauszuoperieren und ihn zu beugen. Ein Zitat von einem angesehenen Theologen: „Die Menschen möchten gerade wachsen, Gott aber streicht seinen Querbalken hinein. Die Menschen möchten sich selber verwirklichen, Gott aber durchkreuzt ihre Vorhaben. Die Menschen möchten aufrecht stehen, Gott aber schlägt ihnen mit der Faust ins Genick.“

 

Solche Sätze sind zutiefst inhuman. Das ist gerade nicht, was Jesus uns von Gott erzählt. Das kann nicht der Wille des Gottes sein, der Liebe ist, der uns zu seinem Ebenbild geschaffen hat.

 

Das muss ganz deutlich und klar gesagt werden: Gott will nie und nirgendwo das Leid der Menschen! Gott möchte gepriesen werden im Lobgesang der Freude seiner Geschöpfe.

Alles andere belastet Gott, quält ihn selber. Und Leid für Gottes Willen auszugeben, ist selber gottlos. Man muss nur ein Kapitel weiterlesen, um die Bestätigung dafür zu erhalten: „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht!“ sagt Jesus. So redet er vom Kreuz tragen.

 

In diesem Sinne das Kreuz verstehen, heißt: sich verwirklichen, nichts in mir selbst unterdrücken und vermeiden. Das Ursprungsbild des Kreuzes ist tatsächlich ein Baum, der Lebensbaum, der sich ausstreckt zwischen Himmel und Erde.

 

AMEN


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