Predigt zum Sonntag, 14. November 2021

Predigt zum Vorletzten Sonntag des Kirchenjahres (Volkstrauertag) über 2. Kor 5,1-10

von Pfarrerin Angelika Hagena

 

Liebe Gemeinde,

durch den heutigen Predigttext zieht sich ein sehnsüchtiges Seufzen. Dies trifft die Stimmung ziemlich genau, in der sich auch viele von uns befinden: Ach wäre es nur endlich vorbei mit dem ganzen Corona! Ach wäre doch endlich wieder Normalität für das Pflegepersonal in den Krankenhäusern, Normalität für unsere geplanten Feste und Familienfeiern, Normalität für unsere Gemeindeveranstaltungen, Normalität für die diesjährigen Weihnachtsgottesdienste! Sehnsüchtiges Seufzen überall - und der Wunsch nach Stärkung, nach Kraft, dies alles noch weiter durchzuhalten - und dabei zugleich auch das Wissen: Mensch, uns geht`s doch noch gut. Wir haben Impfungen und Tests und ein gutes Gesundheitssystem. Was soll der Rest der Welt denn sagen?

 

Sehnsüchtiges Seufzen, es begegnet mir auch immer wieder bei bettlägerigen Menschen: „Ich habe doch mein Leben gelebt. Nun bin ich müde, ich habe oft Schmerzen. Ich möchte heim zu meinem himmlischen Vater.“

 

Sehnsüchtiges Seufzen auch beim Apostel Paulus: verfolgt, geschlagen, ins Gefängnis geworfen, gesundheitlich angeschlagen und sicher auch psychisch belastet. Hatte er bei der Steinigung des Stephanus nicht schweigend dabei gestanden? Hatte er nicht selbst Christinnen und Christen verfolgt und seinen Schwestern und Brüdern in Christus großes Leid angetan?

Mit einem sehnsüchtigen Seufzen schreibt er nun an seine Gemeinde in Korinth und sie werden sein Seufzen und Sehnen verstanden haben, denn sie kannten ihn und seine Lebensgeschichte ja persönlich. Ihnen vertraut er sich in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth an: 2. Kor 5,1-10

 

Die Sehnsucht nach dem himmlischen Zuhause

5Wir wissen ja: Unser Zelt in dieser Welt wird abgebrochen werden. Dann erhalten wir von Gott ein neues Zuhause. Dieses Bauwerk ist nicht von Menschenhand gemacht und wird für immer im Himmel bleiben. 2Darum seufzen wir und sehnen uns danach, von dieser himmlischen Behausung gewissermaßen umhüllt zu werden. 3Wir werden nicht nackt dastehen, wenn wir einmal unser Zelt in dieser Welt verlassen müssen. 4Doch solange wir noch in dem alten Zelt leben, stöhnen wir wie unter einer schweren Last. Wir würden diese Hülle am liebsten gar nicht ausziehen, sondern die neue einfach darüberziehen. So könnte das, was an uns vergänglich ist, im neuen Leben aufgehen. 5Auf jeden Fall hat Gott selbst uns darauf vorbereitet. Er hat uns als Vorschuss auf das ewige Leben seinen Geist gegeben.

6So sind wir in jeder Lage zuversichtlich. Wir sind uns zwar bewusst: Solange wir in unserem Körper wohnen, leben wir noch nicht beim Herrn. 7Unser Leben ist vom Glauben bestimmt, nicht vom Schauen dessen, was kommt. 8Trotzdem sind wir voller Zuversicht. Am liebsten würden wir unseren Körper verlassen und beim Herrn leben. 9Deswegen ist es für uns eine Ehrensache, ihm zu gefallen. Das gilt, ob wir schon zu Hause bei ihm sind oder noch hier in der Fremde leben. 10Denn wir alle müssen einmal vor dem Richterstuhl von Christus erscheinen. Dann bekommt jeder, was er verdient. Es hängt davon ab, ob er zu Lebzeiten Gutes oder Böses getan hat.

 

Liebe Gemeinde,

Paulus tut sich schwer mit seiner sterblichen Hülle: Wie ein altes Haus ächzt und stöhnt er in ihr, ist sich bewusst: Sie ist nicht von Dauer, wird wieder abgerissen und die vielen Risse, die wir in der Wand entdecken, künden schon von diesem Tag. Mit leeren Taschen sind wir gekommen und so werden wir auch wieder zurückkehren in die himmlische Heimat. In uns selbst liegt nicht die Kraft, den Tod zu überdauern. Wie unser ganzes Leben, so ist auch das Leben nach dem Tod nur vorzustellen als Gottes Schöpfung, als Gottes Neuschöpfung.

 

Ein schöner Gedanke, dort oben im Himmel noch ein schönes neues Haus zu haben ohne Renovierungsstau und alle Last der Welt einfach im alten Haus zurückzulassen: Nicht nur das Ächzen und Stöhnen über die körperliche Hülle, nein auch all die Fragen, die auf Erden quälen.

 

Im Anschluss an den Gottesdienst werden wir heute am Volkstrauertag der Kriegstoten der Weltkriege auf unserem Friedhof gedenken. So viele junge Männer, die in Schuld und Leid verstrickt wurden und so früh ihr Leben verloren. Als unser kleiner Syrer Daniel, 3 Jahre, im Sommer seine Großeltern in Aleppo besuchte, da fragte er mit großen Augen: „Mama, warum sind denn die Häuser alle kaputt?“

Jede Antwort kann nur hohl und falsch klingen vor dieser Frage eines Dreijährigen.

Keine Antwort! Nur die Frage hallt nach: Warum, Gott, so viel Leid auf Erden? Warum, Mensch, so unfähig, Konflikte friedlich beizulegen? Wie kann man nur Bomben werfen auf Häuser, die mit Mühe Stein für Stein errichtet wurden. In denen Familien sich mit Liebe einrichteten, am Familientisch aßen, lachten, feierten und ihr Abendgebet sprachen?

 

Ich stimme ein in das Seufzen des Paulus: Manchmal bin ich der vielen Rätsel dieses Lebens müde, voller Sehnsucht, endlich einmal die Wahrheit schauen, nicht nur zu glauben, sondern Gott zu sehen von Angesicht zu Angesicht. Endlich Gerechtigkeit für das viele Blut, das seit Kain und Abel zum Himmel schreit. Da muss doch ein himmlischer Richter sein, der all das hört und sieht und Recht schafft…

Doch, ich kann mir mit Paulus ein Gericht vorstellen, offenbar zu werden, erscheinen zu müssen vor dem Richterstuhl Christi. Auch wenn mein Theologieprofessor in München, Wolfhart Pannenberg sagte: „Die Pfarrerinnen und Pfarrer von heute haben mehr Angst, vom Gericht zu predigten als vor dem Gericht selbst.“

Vor dem Richterstuhl Christi zu erscheinen, das stelle ich mir so vor:

Endlich ist alles ins rechte, himmlische Licht gerückt: das Leid der Opfer gesehen, verstanden und mit göttlichem Trost getröstet und die Täterinnen und Täter sehe ich in tiefem Begreifen und Schmerz über das, was sie angerichtet haben. Auch ich selbst stehe dort: messerscharf sehe ich in diesem so hellen göttlichen Licht den eigenen Schmerz, das eigene Versagen, die eigene Schuld, alles, was mich getrennt hat und noch trennt von Gott. Er schmerzt zutiefst. Und doch: Nichts kann und will ich mehr verdrängen im Angesicht dieses Lichts. Ich will es sehen, ich will es endlich erkennen. So lege ich diese körperliche Hülle und Last ab. Gott kommt mir auf diesem Weg entgegen, umkleidet mich neu mit seinem Verstehen, seiner Gnade und seiner Liebe. Und die ganze Wahrheit, die ich nun schaue, sie macht mich frei, frei von der sterblichen Hülle, frei von allem, was mich bedrückte und zeitlebens quälte. - So könnte ich mir das vorstellen, vor den Richterstuhl Christi zu treten.

Aber wir leben im Glauben nicht im Schauen.

 

Und - wir haben hier noch was zu tun mit unserer brüchigen Hülle. Das wär doch gelacht, wenn wir nicht wenigstens ein kleines Stück Himmel schon hier auf Erden schaffen könnten! Denn die zwei Welten, Himmel und Erde, die sind ja nicht nur im Gericht miteinander verbunden. Die sind auch durch Gottes Geist schon hier und jetzt miteinander verbunden. So manches glauben wir nicht nur, sondern schauen es eben doch schon auf Erden. Da darf man sich in diesen trüben Novembertagen durchaus schon einmal einen Blick auf Weihnachten gönnen:

Ich lese zum Schluss ein Weihnachtsgedicht von Katja Süß:

 

Aufs Neue beginnen:

wir mögen

aufgeben wollen

die hände in den schoß legen

die welt sich selbst überlassen

 

du aber

gott

wirst nicht müde, sondern

fängst in jedem kind

mit deiner schöpfung

von vorn an

 

kommst

zu welt

um wieder

die einmalige

erfahrung zu machen

ein mensch zu sein

 

und rührst so

unser herz an

dass wir aufs neue beginnen

das leben zu lieben

 

Amen.

  

Fürbitten

Wir danken dir, Herr, für deine Liebe und lebendige Gegenwart.

Sie stärkt uns und trägt uns durch die Zeit.

In diesem Vertrauen kommen wir zu dir mit unseren Bitten.

Denn unruhig ist unser Herz und voller Sehnsucht nach Frieden

mit dir und den Menschen.

So wecke in uns die Kraft der Versöhnung

eg 436  Herr, gib uns deinen Frieden

Wir bitten dich für die Menschen, die Gewalt und Missbrauch ausgesetzt sind. Für die, die keinen Menschen haben, dem sie sich in ihrer Not anvertrauen können.

Vielen wurde auch in unserer Kirche Schlimmes angetan. Lass uns die Augen nicht davor verschließen. Hilf uns, dass wir das Mögliche tun, dass wir keine Grenzen überschreiten und achtsam miteinander umgehen.

eg 436  Herr, gib uns deinen Frieden

Gott, mit dir trauern wir um die vielen Opfer von Krieg und Vertreibung. Lass uns in allen Menschen unsere Schwestern und Brüder erkennen. Bei dir ist der Friede, hilf, dass wir ihn tun auf Erden.

eg 436  Herr, gib uns deinen Frieden

Gott für all die Müden und Seufzenden bitten wir,

für all die, die keinen Sinn mehr in ihrem Leben finden,

für all die, die mit ihrer Schuld kaum leben können,

für all die, die unter ihrer Krankheit leiden,

für all die, die im Sterben liegen.

 

Vater unser….


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