Geistlicher Impuls für Sonntag, 21. November 2021 (Ewigkeitssonntag)

Geistlicher Impuls zu Josua 1,9

von Pfarrer Thorsten Diesing

 

Liebe Gemeinde,

 

heute ist Ewigkeitssonntag, Totensonntag.

Heute, am letzten Sonntag im Kirchenjahr, gedenken wir der Verstorbenen des vergangenen Jahres; und dabei wird uns wieder bewusst: unsere Lebenszeit ist begrenzt. Unser Leben besteht immer auch aus Abschieden und Trennungen.

Das ist schmerzlich.

 

Wir wollen es oft nicht wahrhaben, dass eines Tages alles vorbei ist.

Der Tod: das ist eine Grenze, die ins Unbekannte führt.

Der Tod: er nimmt uns Menschen, die wir lieben, Menschen, die zu meinem Leben dazu gehörten.

Der Tod: darauf habe ich keinen Einfluss.

 

Im Alten Testament gibt es eine Geschichte, in der auch von Abschied und Trennung und von einer Grenze, die ins Unbekannte führt, erzählt.

Es ist ein Teil der Geschichte des Volkes Israels.

 

Nach dem Auszug aus Ägypten ging es nicht schnurstracks ins Gelobte Land. Die Menschen sind lange Zeit durch die Wüste gewandert. So lange, dass sich eigentlich keiner mehr daran erinnern konnte, wie ein anderes Leben als in der Wüste ausgesehen hatte: Häuser, Dörfer …

 

Die langen Jahre in der Wüste … Ein Versprechen hat sie aufrecht erhalten. Gott hatte ihnen gesagt: „Ich werde euch führen in ein Land, das euch gehören wird, ein Land, in dem Milch und Honig fließt“. Dieses Versprechen hatte den Menschen immer wieder Hoffnung gegeben.

 

Doch dann, als bald der Tag kommen sollte, wo sie in das neue Land gehen könnten, da stirbt der Mann, der sie durch die Wüste geführt hatte: Mose, der Beauftragte Gottes, der ihnen immer wieder Mut gemacht hatte. Mose stirbt.

Alleine stehen die Menschen da. Sie müssen Abschied nehmen von dem, den die meisten ihr Leben lang gekannt haben.

Mit Mose stirbt auch ihre Hoffnung und ihr Vertrauen in Gott. Jetzt weiß keiner mehr, was vor ihnen liegt.

Und sie fragen sich: „Wird Gott jetzt weiter mit uns gehen? Gibt es dieses gelobte Land wirklich? Was erwartet uns?“

 

Die Menschen sind kurz davor, aufzugeben. Ihr Vertrauen in Gottes Versprechen wankt, ja, ihre Zweifel und ihre Ängste werden immer größer.

Dort, hinter dem Berg, soll es sein, das gelobte Land.

Doch sie möchten nicht weitergehen. Das vertraute alte Leben möchten sie nicht mehr aufgeben. Unsicher sind sie, verwirrt und verängstigt.

 

Schließlich wird ein Nachfolger für Mose bestimmt. Er heißt Josua. Er weiß, dass er ein schweres Amt antritt, weiß, dass er Unmögliches möglich machen soll.

Die Erwartungen lasten schwer auf ihm: er soll Hoffnung geben, wo er doch selber kaum noch Hoffnung hat.

An der Grenze zum gelobten Land steht Josua, und hat doch genau wie das Volk Israel Angst, den nächsten Schritt zu tun, Angst, die Grenze zu überschreiten.

Kurz vor dem Ziel fürchtet er das Ungewisse, möchte sein bisheriges Leben lieber weiterleben als zu erleben, was Neues auf ihn zukommt.

 

In diesem Moment spricht Gott zu ihm. Gott sagt zu Josua: “Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht, denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.“

 

Wenn unser Leben zu Ende geht, dann stehen wir auch an einer Grenze: an der Grenze zwischen Leben und Tod.

Es gibt kein Zurück mehr: der Weg muss gegangen werden.

Aber wir dürfen Gott vertrauen: er geht mit uns. Gerade hier wird er spürbar nahe sein. Er weiß um unsere Ängste und Zweifel, so, wie er damals um die Ängste und Zweifel von Josua und dem Volk Israel wusste.

 

Der Tod: er ist die Grenze in ein unbekanntes Land.

Was erwartet mich dort?

Was ist mit den Menschen, die schon gestorben sind?

Ist mit dem Tod alles vorbei?

Ist da vielleicht nichts? Leere?

 

Irgendwann und immer wieder, so denke ich, stellt sich jeder von uns diese Fragen. Der Tod, die unbekannte Grenze.

Und wenn ich daran denke, dann nützt mir oft das beste Gottvertrauen nichts mehr. Dann habe ich Angst vor dem, was auf mich zukommt.

 

Gott weiß um unsere Ängste. Er weiß auch um unsere Trauer, wenn ein Mensch stirbt.

Doch wie damals die Menschen in Israel, so will er auch uns lebendige Hoffnung geben, eine Hoffnung, die uns Leben lässt, die fest verankert ist in seinem Versprechen.

Gott hat uns seinen Sohn Jesus Christus gesandt, damit wir nicht alleine dastehen. Gott hat uns das feste Versprechen gegeben, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist.

Ja, das ewige Leben schenkt er uns in seinem ewigen Reich. Wir haben verschiedene Namen dafür, nennen es Himmel oder Jenseits. Und wir versuchen in Bildern unsere Hoffnung zu beschreiben, die so schwer fassbar ist.

So, wie Gott uns das Leben hier auf der Erde schenkte, das Wunder, durch das jeder von uns entstanden ist, so wird er auch weiter an uns ein Wunder tun.

Ewiges Leben: das hat Jesus Christus uns versprochen.

Ewiges Leben: ein Leben über den Tod hinaus, ganz anders als als das Leben, das ich bisher lebt.

Ich, und doch irgendwie anders. Anders, und doch ich. Das geht über meinen Verstand.

Und doch bleibt dieses Versprechen. Immer wieder hat Jesus gesagt: „Vertraut Gott. Er lässt euch nicht alleine. Nach eurem Tod wird es anders sein: alles, was euch belastet, fällt von euch ab. Im ewigen Leben wird Gott ganz nahe bei euch sein.“

 

Ewiges Leben: bei Gott sein, in seinen Händen geborgen.

Das ist ein Versprechen, dem ich glauben kann, dem ich aber auch glauben muss. Mit unserem menschlichen Verstand, mit unserem Wissen kommen wir hier nicht weiter.

Erfahren werden wir es erst, wenn es uns geschieht: der Tod. Dann erst werden wir begreifen, wie es denn ist: das ewige Leben. Und wir können fest darauf vertrauen: wie im Leben, so ist auch im Sterben Gott bei uns. Er führt uns in das neue Land, in das ewige Leben.

Und die Grenze zwischen Leben und Tod, die wir jetzt als so schmerzlich und unwiederbringlich verstehen, wird keine Grenze mehr sein.

„Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht, denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst und auf allen deinen Wegen.

Amen.


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